Wieder mal: Echt Erzgebirge!
Neues Logo: Gedacht. Gemacht. – Abgelacht!
Wenn man die Begründungen für das neue Erzgebirgs-Logo verfolgt, liest man so etwas wie Scham auf eine Jahrhunderte alte Tradition heraus: Man habe Sorge, dass die Region mit dem bisherigen Slogan „Echt Erzgebirge“ zu sehr mit Weihnachten und Männelmachern in Verbindung gebracht werde, meint die Chefin vom REK (Regionales Entwicklungs- und Handlungskonzept“, Heike Friedrich aus Annaberg. Schließlich seien an die 30% der Werktätigen in anderen Wirtschaftsbranchen beschäftigt. Deshalb wolle man zukünftig mehr die Wirtschaftsregion in den Vordergrund stellen und nicht so sehr das, was das Erzgebirge weit über seine Grenzen als weltweit einmaligen Landstrich bekannt gemacht hat: Weihnachten im Erzgebirge mit all seinen Männeln, Pyramiden, Schwibbogen, Nussknackern und den unzählig beleuchteten Fenstern… „Einen Landstrich, in dem zu jeder Zeit Weihnachten zu sein scheint – wo gibt es den noch einmal auf der Welt?!“, wie kürzlich welterfahrene Ausländer nach ihrem wiederholten Besuch im Erzgebirge schwärmten. Und waren es nicht gerade die Männelmacher, die sowohl nach den großen Krisen im Erzgebirge (u.a. Niedergang des Silberbergbaus, Weltwirtschaftskrise, zwei Weltkriege) wie auch heutzutage viele Menschen in Lohn und Brot halten und das Image des Erzgebirges errichtet und bis heute international geprägt haben? Und die Industrie, über die das Erzgebirge verfügt, ist in anderen Gebirgsregionen auch angesiedelt. Von daher sind – mit Ausnahme der Posamentenindustrie – diese Industrieprodukt nicht typisch für das Erzgebirge. „Echt Erzgebirge“ ist somit ein Markenzeichen für etwas ganz Spezifisches, Einmaliges, regional Typisches, was nicht tautologisch mit dem Plagiat-Abwehr-Hinweis „Original Erzgebirge“ auf den Holzfiguren gleichgesetzt oder verwechselt wird, wie man argumentiert, sondern vielmehr die Echtheit noch durch Originalität ergänzt. Es gibt Regionen in Deutschland, die wären froh, wenn sie über einen derartigen Image-Hintergrund verfügten.
Da man dieses einmalig gewachsene Image offenbar für zu profan, zu provinziell, zu unattraktiv, also nicht echt erzgebirgisch befand, hat man die Chemnitzer Werbeagentur „zebra“ damit beauftragt (ob nach erfolgter Ausschreibung und wer die Mitbewerber mit welchen Ergebnissen waren, ist nicht bekannt), eine neue „Dachmarke“ zu kreieren, unter der Berücksichtigung, „dass die Stärke unserer Region die Menschen in der Hand- und Kopfarbeit sind“, wie es in der PR-Erklärung vom REK heißt. Als hätten die anderen Regionen keine Menschen, die über derartige Stärken verfügen.

ERZGEBIRGE-GEDACHT-GEMACHT
Die seit 1991 erfolgreich agierende Werbeagentur mit Thomas Pfefferkorn und Joerg G. Fieback an der Spitze von weiteren 34 Kreativen, die sich ansonsten hauptsächlich verkaufsfördernde Slogans und umsatzsteigernde Verpackungen für solche Produkte wie u.a. Rondo-Kaffee, Burger Knäckebrot, Bautz´ner Senf, Zetti Knusperflocken, Florena Kosmetik oder Bärlauch-Butter einfallen lassen, haben nun über eine Region mit über 500.000 Menschen nachgedacht, wie man es macht, um auf diesem bisher unerfahrenen Terrain (wenn man mal von den Marketing-Bemühungen um die Stadt Chemnitz absieht), die 6,6 Millionen Euro Umsatz aus dem Jahre 2008 weiter zu steigern. Gedacht. Gemacht. Und fertig war der neue, einmalige, umwerfend geniale, weil so typischer Slogan, die so genannte Dachmarke für die Erzgebirgsregion unter der sich auch das alte Logo behütet wissen darf. Und damit man weiß, wo derart kreativ gehandelt wird (und keine Verwechslung mit der Herstellung von Senf oder Knusperflocken möglich ist), setzt man in Großbuchstaben den Namen der Region – diesmal ERZGEBIRGE – in Großbuchstaben darüber. Einfach genial! Oder? Eine Weiterverwendung dieser epochalen Marketing-Idee wäre u.a. denkbar für „Thüringen – Gedacht.Gemacht.“ „Hessen – Gedacht.Gemacht.“ „Afrika – Gedacht.Gemacht.“ oder eben „Bärlauchbutter – Gedacht.Gemacht“… Über die Vergabe der Urheber- und Vermarktungsrechte dieser eben gemachten Gedächtnisleistungen kann gerne per Mail mit dem hier schreibenden Kreativisten verhandelt werden.
Und damit nicht jemand auf die Idee kommt, dass man vielleicht überall im Lande zuerst denkt und dann handelt, sondern nur im Erzgebirge, („macht, machen“ waren Worte, die schon im Deutschunterricht in der Schule nicht gerne gesehen und gehört wurden), hat man zur Schrift noch zwei fette, grüne Striche erdacht und einen orangefarbenen Punkt dazu gemacht. Ob diese Ortsbezeichnung (Logos) nun eine grüne Erzgebirgswiese mit dem Fichtelberg (Pöhlberg, Bärenstein, Scheibenberg) und der aufgehenden – oder vielleicht hier eher untergehenden – Sonne (eventuell auch Mond?) darstellen soll, bleibt der denkenden Fantasie des Betrachters überlassen. Der kann sich aber auch lebhaft ein kleines, echt erzgebirgisches Reiterlein aus Olbernhau darunter vorstellen, was allerdings weder von den Kreativen aus Chemnitz, noch vom Regionalmanagement Erzgebirge beabsichtigt gewesen sein dürfte. Übrigens: Das „Reiterlein“- oder Helios-Miriquiri-Logo darf nicht allein benutzt werden, sondern immer nur im Zusammenhang mit den zukunftsweisenden Worten unter den erzenen Lettern. Und wer die sinnreiche Allerweltsunterzeile „Gedacht. Gemacht.“ weglassen möchte, wird laut Nutzungsvertrag bei den Kreativisten nicht gerade Freunde hinzu gewinnen. Im Vertrag gibt es strenge Regeln zur Verwendung und Verwertung dieser bisher unübertroffenen Denkleistung, die mit Fördermitteln aus dem Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr finanziell – Summen waren bis dato nicht zu ermitteln – unterstützt und vom sympathischen und pfiffigen Landrat Frank Vogel mit den Worten geadelt wurde: „Das neue Logo verkörpert das, wofür das Erzgebirge zukünftig bekannt sein soll: eine moderne Wirtschaftsregion mit pfiffigen, sympathischen Menschen“, die aber dazu vermutlich überhaupt nicht gefragt, sondern eher negativ davon überrascht wurden. Und auch die zwölf Bürgermeister von den größten Städten haben auf dem 20. Regionalkonvent ihren Segen zum neuen Dach-Logo gegeben. Hätten sie vorher etwas gründlicher darüber nachgedacht, hätten sie vielleicht Derartiges nicht mitgemacht, – aber so war die Entscheidung dann eben doch wieder „Echt Erzgebirge!“ Ein Slogan, der übrigens keiner ist, sondern nur die schlichte, Image-bewahrende und weder weg zu denkende noch irgend wie weg zu machende Wahrheit über diese Region und ihre Menschen, die über den neuen Marketing-Geck nicht nur nachgedacht und sich nicht nur Gedanken dazu gemacht, sondern auch kopfschüttelnd darüber abgelacht haben…
Gotthard B. Schicker im Januar 2010
PS: Den Antrag für das neue Logo des Erzgebirgskreis finden Sie hier.
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